Systematische Misshandlungen in Kurheimen für Kinder (FOTO)

SWR – Das Erste

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Mainz (ots) – 1.000 Fälle ausgewertet: 60 % leiden noch heute unter Spätfolgen /
Niedersächsische Sozialministerin Reimann: „Auswertung beeindruckend und tief
erschütternd, brauchen Aufarbeitung“

Mainz. Eine Untersuchung des ARD-Politikmagazins „Report Mainz“ zeigt, dass
viele Erwachsene noch heute unter Misshandlungen in Erholungskuren leiden, in
die sie zwischen 1950 und 1990 geschickt wurden. Die Redaktion hat systematisch
1.000 Erfahrungsberichte ehemaliger Kurkinder ausgewertet. Es ist die erste
empirische Untersuchung zu den „Erholungskuren“. Demnach bewerten 93 Prozent der
ehemaligen Kurkinder ihre Kur negativ. Mehr als 60 Prozent von ihnen schreiben,
noch heute unter den Erlebnissen zu leiden – in Form von Angst- und
Essstörungen, Panikattacken und Depressionen.

„Psychoterror“ und „Folter“

Zwischen 1950 und 1990 wurden hunderttausende Kinder zur Erholung in Kurzentren
geschickt. Viele von ihnen wurden geschlagen und gequält: „Ein Aufenthalt in der
Hölle, der mein ganzes Leben verändert hat“, schreibt ein Betroffener. „Es waren
ausnahmslos traumatisierende Erlebnisse, die mich noch heute belasten“, „danach
war alles anders“, schreiben zwei weitere. Neun von zehn ehemaligen Kurkindern
geben in ihren Erfahrungsberichten an, dass sie die Kur schon als Kind belastet
habe. Viele hätten tagelang geweint, schwere Angst vor den Erzieherinnen gehabt
und unter starkem Heimweh gelitten. Die Kur sei „Psychoterror“ und „Folter“
gewesen, „ein Aufenthalt in der Hölle“, „ein dunkler Fleck in der Kindheit“.

Kinder wurden systematisch schlecht behandelt

Niedersachsens Sozialministerin Reimann sagte „Report Mainz“, die Ergebnisse der
Auswertung seien „beeindruckend und tief erschütternd“. Die Untersuchung lege
nahe, dass Kinder in den Kuren systematisch schlecht behandelt worden seien. In
einigen Fällen werde man von Misshandlungen sprechen müssen. Sie werde prüfen,
wo die Politik Unterstützung und Hilfen geben könne. Wichtig sei, die
Geschehnisse weiter aufzuarbeiten. Denn für die Politik seien die Berichte
weitgehend neu. Viele ihrer Kollegen hätten nur die wenigen Informationen, die
öffentlich bekannt seien. Deshalb habe Reimann das Thema vergangene Woche auf
der Konferenz der Arbeits- und Sozialminister in Rostock angesprochen. „Wir
haben verabredet, dass wir auch gemeinsam über das weitere Vorgehen sprechen“,
so die Ministerin.

Desaströse Zustände im „Waldhaus“ Vor zwei Wochen war bekannt geworden, dass im
„Waldhaus“ im niedersächsischen Bad Salzdetfurth 1969 ein Kind von anderen
Heimkindern totgeprügelt worden und zwei weitere sehr wahrscheinlich an ihrem
Erbrochenen erstickt waren. Nach Recherchen von „Report Mainz“ gab es in dem
Heim zu wenig und zu schlecht ausgebildetes Personal, das zudem noch massiv
unterbezahlt wurde. Im Interview mit „Report Mainz“ gesteht die Diakonie in
Niedersachsen Fehler ein. Ihre Vorgängerorganisation hatte das Heim betrieben.
Die Zustände im „Waldhaus“ seien desaströs gewesen, so
Diakonie-Vorstandssprecher Hans-Joachim Lenke. „Man hätte das Heim schließen
müssen.“ Es sei tragisch, dass in so einer Situation Kinder zu Tode gekommen
seien. Hintergrund der Recherche: Für die Untersuchung hat „Report Mainz“ 1.000
Erfahrungsberichte (683 Frauen, 317 Männer) ehemaliger Kurkinder ausgewertet,
die in Kurheime in ganz Deutschland geschickt worden waren. Im Durchschnitt
waren sie zum Zeitpunkt ihrer Kur zwischen sechs und sieben Jahren alt.
Grundlage der Untersuchung sind Zuschriften an die Redaktion sowie an eine
Initiative von Betroffenen. Die Autoren haben die Berichte u.a. nach folgenden
Kriterien ausgewertet: einer Gesamtbewertung des Kur-Aufenthaltes, ob es in den
Heimen Bestrafungen gab und ob die Betroffenen psychische bzw. körperliche Kurz-
und Langzeitfolgen schildern.

Die Auswertung der Erfahrungsberichte zeigt, dass Kinder bundesweit gequält und
misshandelt wurden, in Heimen öffentlicher wie privater Träger, in den 50er aber
auch noch in den 80er Jahren. In einem großen Teil der tausend Berichte ist die
Rede von körperlichen und psychischen Strafen sowie von schlechtem Essen. Viele
Kinder seien gezwungen worden, bis zum Erbrechen zu essen. Immer wieder heißt
es, sie hätten sogar ihr Erbrochenes essen müssen. Allein in den Jahren 1965 und
1966 wurden nach Angaben der Bundesregierung mehr als 1,5 Millionen Kinder in
„Erholungskuren“ geschickt. Bundesweit gab es in den 1960er Jahren 839 Heime für
solche Kuren. Die meisten lagen an der Nordsee, im Schwarzwald und im Allgäu.
Träger der Heime waren Krankenkassen, Kommunen und freie Wohlfahrtsverbände wie
Diakonie und Caritas. Die Mehrzahl der Heime war in Privatbesitz. Organisiert
und finanziert wurden die Erholungskuren von den Krankenkassen, der
Rentenversicherung, den Kommunen und den Sozialwerken von Bahn und Post. Nach
Recherchen von „Report Mainz“ wurden für die Kuren in den 60er Jahren 150
Millionen D-Mark pro Jahr ausgegeben.

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